Warum ich Fliege
Es gibt diesen einen Moment, ein paar Sekunden nach dem Start; der Schirm steht, die Beine baumeln, und plötzlich ist es still. Ihr kennt ihn. Und trotzdem kommt jedes Mal derselbe Gedanke: Jetzt.
Wenn ich anderen erzähle, dass ich fliege, kommt fast immer dieselbe Frage: «Und warum machst du das eigentlich?» Meistens antworte ich irgendwas mit «schöne Aussicht». Das ist nicht gelogen, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Also hier der Versuch einer ehrlichen Antwort.
Freiheit, aber die echte
Freiheit ist so ein grosses Wort, das in jedem Prospekt steht. Ich meine damit etwas ganz Handfestes: Da oben gibt es keine Wege. Keine Markierungen, keine Weiss-Rot-Weiss-Punkte an den Felsen, keinen Fahrplan, keine Abzweigung, an der ich mich entscheiden muss. Die Luft ist überall gleich offen. Ich kann links, ich kann rechts, ich kann in dieser Wolkenstrasse bleiben oder abdrehen.
Am schönsten spüre ich das bei einer ruhigen Querung über einen See oder ein Tal. Dann lasse ich die Bremsen los und strecke beide Arme aus. Nichts zu tun, nichts zu korrigieren. Der Schirm macht das schon. Und jedes Mal kommt mir dabei dasselbe Bild in den Sinn: Leo und Kate, vorne am Bug der Titanic, Arme ausgebreitet. Kitschig? Absolut. Aber es trifft es ziemlich genau.
Unten ist mein Tag durchgetaktet. Termine, Deadlines, Mails. Oben entscheide ich. Und die Luft entscheidet mit. Das ist der Punkt, der oft vergessen geht: Diese Freiheit ist keine Beliebigkeit. Ich muss das Wetter lesen, meine Grenzen kennen und auch mal am Startplatz sitzen bleiben und wieder runterlaufen.
Und ja, es ist auch ein bisschen Angst dabei. Nicht mehr die vom Anfang, als jeder Start ein kleines Drama war und ich am Landeplatz jeweils erst einmal durchatmen musste. Eher eine wache Vorsicht, die mitfliegt und mich Dinge anschauen lässt, die ich sonst überschauen würde. Ich möchte sie gar nicht loswerden. Ein Pilot ohne jeden Respekt hat entweder ein sehr kurzes Gedächtnis oder er passt nicht mehr auf. Genau das macht die Freiheit da oben wertvoll: Man muss sie sich jedes Mal neu verdienen.
Ich sammle keine Punkte
XC-Punkte sind eine gute Sache. Ich schaue mir eure Flüge gerne an, und der Respekt vor 100-Kilometer-Tagen ist absolut ehrlich.
Nur: In einer Rangliste fliegt immer jemand weiter. Immer. Egal wie gut der eigene Tag war, es gibt jemanden, der früher dran war, länger oben blieb, den entscheidenden Talsprung gemacht hat. Das ist ja auch in Ordnung, das ist Sport. Nur ist es ein Wettkampf, den ich von vornherein nicht gewinnen kann.
Es liegt auch schlicht daran, wann ich fliege. Ich bin öfter als nur am Wochenende in der Luft, und ein-, zweimal im Jahr geht es auf Gleitschirmreise ins Ausland. Zwei Wochen fliegen, jeden Tag, ohne Kalender im Nacken. Das sind die schönsten Tage des Jahres.
Zuhause ist das anders. Da fliege ich, wenn ich Zeit habe. Nicht, wenn der beste Tag der Saison ist. Familie und Beruf gehen vor, und das ist auch richtig so. Klar schaue ich in den Thermik-Prognosen schon Tage im Voraus, wo etwas gehen könnte, und überlege dann, ob sich noch etwas verschieben lässt. Manchmal klappt es. Manchmal nicht. Wer im XC vorne mitfliegt, steht am guten Tag am Startplatz. Ich stehe dort am Samstagnachmittag, weil der Vormittag verplant war.
Ehrlich gesagt: Weiter fliegen würde ich auch gerne. Der Gedanke, das nächste Tal noch mitzunehmen, kitzelt jedes Mal. Ich beneide euch nicht, ich freue mich mit euch. Aber kaltlassen tut es mich auch nicht.
Nur: Sobald ich Kilometer sammle, wird aus dem Flug eine Tabelle. Dann sitze ich in der Luft und rechne, statt zu schauen. Dann ärgere ich mich über die verlorene Höhe im Talwind, statt zu merken, wie schön das Licht gerade auf der Flanke gegenüber liegt. Und am Landeplatz bin ich dann nicht zufrieden, sondern rechne aus, was noch drin gewesen wäre.
Also habe ich mir eine eigene Messlatte gesucht. Eine, bei der ich nicht automatisch verliere, nur weil ich am falschen Tag Zeit habe.
Mein bester Flug in diesem Jahr dauerte gut eine Stunde. In keiner Wertung taucht er auf. Ich weiss aber heute noch genau, wie die Luft an diesem Abend gerochen hat.
Der schönste Nebeneffekt: Wer nichts sammeln muss, kann auch leichter verzichten. Ich bin schon zwei Stunden hinaufgelaufen, habe oben eine halbe Stunde gesessen und geschaut. Und den Schirm wieder eingepackt, ohne ihn ausgelegt zu haben. Das war kein verlorener Tag. Das war einfach ein Tag am Berg.
Berge, die ich schon kenne und trotzdem neu sehe
Das ist für mich der stärkste Teil am Fliegen. Ich war jahrelang viel zu Fuss, mit den Ski und auf Hochtouren unterwegs. Heute bin ich mehrheitlich mit dem Gleitschirm draussen. Aber die Berge, die ich damals bestiegen habe, sehe ich jetzt ein zweites Mal. Von oben.
Bei einer Hochtour war der Blick ja meistens klein. Man startete im Dunkeln, sah den Lichtkegel der Stirnlampe und die Fersen des Vordermanns. Später dann Spalten, Trittspuren, die nächsten fünfzig Meter. Man las den Gletscher aus nächster Nähe, Buchstabe für Buchstabe, konzentriert, ohne je die ganze Seite zu sehen. Und oben am Gipfel war man meistens zu müde, zu spät dran, oder der Nebel war schneller.
Und dann fliege ich heute darüber. Plötzlich liegt alles als Ganzes da: der Gletscher mit seinen Spaltenzonen, die Aufstiegsspur als feine Linie, der Grat, der sich damals endlos angefühlt hat und von oben eine kurze Kante ist. Die Rinne, an die ich mich als steil erinnere, ist bloss eine Falte in einer viel grösseren Flanke. Man sieht, wie alles zusammenhängt: warum die Route genau dort durchgeht und nirgends sonst, und wie wenig Spielraum es eigentlich gegeben hätte.
So wird der Berg dreidimensional. Zu Fuss habe ich ihn kennengelernt, auf Ski anders erlebt, auf einer Hochtour habe ich mich durch ihn hindurchgearbeitet. Und aus der Luft verstehe ich ihn. Vier Bekanntschaften mit demselben Gipfel, und keine ersetzt die andere.
Wenn der Adler zeigt, wo es hochgeht
Und dann sind da die Vögel. Ich bin am Suchen, es steigt nur so lala, und dann kommt einer angesegelt und dreht dreissig Meter neben mir ein. Er war zuerst da. Er weiss es besser. Ich korrigiere meinen Kreis auf seinen, und plötzlich geht es hoch.
Einmal ist ein Adler ein paar Runden lang fast auf Augenhöhe mit mir mitgedreht. Ich habe gesehen, wie die Federn an seinen Flügelenden arbeiten. Dann hat er ausgedreht und war weg. Und da hockst du in deinem Gurtzeug, mit all deiner Ausrüstung – und er macht das einfach so.
Und dann die Anderen
Fliegen klingt in meiner Beschreibung ziemlich einsam. Ist es aber nicht.
Ich mache unterwegs kaum Fotos. Zwei, drei vielleicht, und die sind meistens verwackelt. Ich habe lange gedacht, ich müsste das ändern. Bis ich gemerkt habe: Ich will das gar nicht. Wenn ich am Handy hantiere, schaue ich nicht mehr. Und meine schönsten Flüge existieren ohnehin nur in meinem Kopf.
Genau deshalb ist der Austausch nachher so wichtig. Am Landeplatz, im Auto auf dem Rückweg, beim Bier: «Hast du gesehen, wie es über der Kante ging?» «Ich war zu tief, ich musste raus.» «Nächstes Mal weiter links einfliegen.» Da werden aus einzelnen Flügen gemeinsame Geschichten. Und ganz nebenbei lernt man in einer halben Stunde am Landeplatz mehr über die lokalen Verhältnisse als aus jeder Wetterkarte.
Was mir aber immer gefehlt hat: Meiner Familie kann ich das alles nur erzählen. Und erzählen reicht bei diesem Thema einfach nicht. Ich merke jedes Mal, wie die Worte irgendwann aufhören zu funktionieren. Man kann nicht beschreiben, wie sich der Moment nach dem Start anfühlt. Man muss ihn erleben.
Darum mache ich gerade die Tandem-Ausbildung. Nicht, um Passagiere durch die Gegend zu fliegen, sondern damit ich die Leute, die mir wichtig sind, endlich mitnehmen kann. Damit sie nicht nur den Typen kennen, der am Wochenende mit einem grossen Rucksack verschwindet und abends mit leuchtenden Augen zurückkommt, sondern selber wissen, warum.
Ich freue mich jetzt schon auf das Gesicht neben mir beim ersten Mal.
Was ich mitnehme
Ich habe mir angewöhnt, aus jedem Flug ein paar Bilder mitzunehmen. Nicht Höhenmeter, nicht Kilometer – Bilder.
Das kann eine Wolkenkante sein, an der ich entlanggeflogen bin: weiss, scharf gezeichnet, so nah, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte hineingreifen. Das kann der Adler sein. Oder das Gleiten über den See: ruhige Abendluft, das Wasser unter mir spiegelglatt, mein Schatten irgendwo darauf.
Nach der Landung packe ich zusammen und gehe die zwei, drei Bilder nochmals durch. Das ist meine Wertung. Kein Track, kein Upload, keine Rangliste. Nur ein paar Momente, die bleiben. Und weil ich sie nicht fotografiere, muss ich sie mir richtig anschauen.
Also, warum?
Wegen der Sekunden nach dem Start, in denen es still wird. Das ist nicht einfach Ruhe, das ist das Fehlen von all dem Lärm, den man sonst überallhin mitschleppt, ohne es zu merken.
Wegen der Berge, die ich zu Fuss kenne und aus der Luft plötzlich verstehe. Wegen dem Adler, der mir zeigt, wo es hochgeht. Wegen euch am Landeplatz. Und bald hoffentlich wegen dem Blick von jemandem neben mir, der es zum ersten Mal erlebt.
Alles andere ist Bonus.
Danke fürs Lesen - Häppy Landings und bis bald am Startplatz.
Reto