Als der Schlauch zum Wasserfall wurde (Valle Maggia, 3. April 2025)
Grüner, gelber, roter Bereich: Wie viel Risiko ist vertretbar – und wie gut bin ich eigentlich wirklich?
Ich fliege seit knapp 25 Jahren. Schon lange wollte ich in den hohen Bergen Strecke fliegen – XC, richtig „raus“. Ich merke auch, dass ich gerne auch mal die ausgetretenen Pfade verlasse. Nur habe ich dafür auch wirklich das Rüstzeug?
Dass das Überstrapazieren der Elemente auch anders ausgehen kann, habe ich auch schon erleben müssen. Seitdem bin ich sicher reifer geworden; nicht unbedingt vorsichtiger allerdings – denn geht ein (zu) vorsichtiger Mensch überhaupt Gleitschirmfliegen?
Frühling, hohe Berge, und die große Lust auf Strecke zu gehen
Letztes Jahr konnte ich, auch dank Burnair-Tracks schöne Strecken fliegen. Z.B. im Tessin über die hohen Berge, Thermik an den Südflanken, die Nordseiten noch voller Schnee. Wow.
Letztes Jahr also wieder. Locarno, Domodossola und zurück war mir bereits bekannt. Ebenso das Dreieck, Valle Maggia hoch, über die Berge Richtung Faido und die Leventina runter nach Bellinzona.
Der Moment, in dem ich abbog
Dieser Bericht handelt also von einem neuen Flug, und von einem Moment darin, den ich so schnell nicht vergessen werde.
Nach ca. 2,5 Stunden Flugzeit war ich nordöstlich von Domodossola unterwegs, von Locarno kommend, in gutem fliegerischem Zustand. Ich erinnerte mich an einen Track, den ich schon mal beobachtet hatte, ein Stück nach Norden und dann nordöstlich rüber ins Valle Maggia.
Ich war etwas unsicher und zögerte, bis mir ein Flugkollege zu Hilfe kam, der bereits auf diese Linie eingeschwenkt war. Mit dem „Dummy“ vor mir konnte ich es wagen und am Pizzo Quadro drehte ich Richtung Nordosten „ab-quer-Berg-ein.
Auf dem Weg ins Valle Maggia musste ich noch etwas „drauflegen“ und wählte nicht die einfachere Route, was mir eine Baustelle beschehrte. Nach etwas Zittern fand ich aber einen Schlauch und konnte weiter, in Richtung Valle Maggia, raus aus dem Schnee, den trockenen Bergflanken entgegen.
Talquerung: kleine Themen, große Wirkung
Dann die Querung über’s Valle Maggia zurück in bekanntes Terrain. Und genau da begannen die Kleinigkeiten, die später fast in einem veritablen Problem resultierten.
Der Pipi-Schlauch war nicht da, wo er sein sollte. Ich hantierte also herum, erfolglos. Dann Essen, Trinken. Irgendwann wurde mir das Tal schlicht zu schmal und ich kam müde, gestresst und unvorbereitet an der anderen Talseite an, über den trockenen Hängen, bei gutem Gradienten, im Frühling.
Weil unvorbereitet, drehte ich nicht gleich am Pizzo Castello auf, sondern flog bis zur nächsten Rippe etwas talauswärts.
Der „Wasserfall“
Aus den verschneiten Bergen kommend, war ich um jede Thermik froh und in meinem Kopf waren diese Thermiken eben nicht besonders stark. Mit diesem Mindset suchte ich an der Rippe nach Thermik, nach dem Hinauf, nach dem Beep, Beep.
Beep, Beep – es geht doch, hoch mit 3,5… 4,5…, passt und dann plötzlich, ein kurzer Blick auf das kreischende Vario, 7.0 m/s vertikal nach oben.
Es fühlte sich an wie ein reißender Wasserfall, der gegen den Himmel stürzt. Das Vario im Dauerton. Ein kurzer Blick auf das Display: 7 m/s und kein Druck mehr in der Kappe, und ich? Ein staunender, zunehmend erschrockener Passagier.
Wie die Bremsen standen, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich noch leicht drauf. Die Kappe schmiert ins Lee ab, entleert, klappt, schnalzt, links, rechts. Sie bleibt zwar über mir, aber „leer“ und die Ohren nach vorne. Später fand ich heraus: Ein Fullstall, ausgelöst im Rahmen eines Ballooning-Klappers.
Der Grat kam schnell näher. Höhe hatte ich noch. Nach einer gefühlten Ewigkeit und zwei aktiven Pumpern, ich glaube es waren zwei, an den Steuerleinen bekam die Kappe wieder Druck. Sonst wäre es höchste Zeit gewesen, den Notschirm zu werfen.
Schweiss, weiche Knie, Herzklopfen. Was hätte passieren können? Habe ich das gehandelt – oder war es Glück?
Rückblick: Die Reaktion war ok, der Setup davor nicht
Ich habe mich danach intensiv damit beschäftigt, denn solche Zustände können einem das Fliegen richtig verleiden, denn ich will ja genau dort unterwegs sein: im „Neuland“, im Hochgebirge, auf Strecke.
Der Vorfall war ein Ballooning-Klapper. Das passende Erklärvideo kannte ich sogar, aber ich hatte es nie „auf mich“ bezogen, bis jetzt.
Meine Reaktion war vermutlich nicht komplett falsch. Falsch war eher, was davor passiert war. Die Bedingungen hatten sich geändert und ich hatte es nicht realisiert.
Aperes Gelände, eine Flanke in Wind und Sonne, Temperaturgradient, Prognose „Hammertag“ – ja: den Hammer habe ich gespürt. Tools sind praktisch, machen aber auch ein bisschen faul und farbenblind: Blau gleich geil.
Dazu kam, dass das Gurtzeug nicht gut eingestellt war. Die Schnallen geben mit der Zeit nach, ich lag damit zu sehr in der Liegeposition. Und der neu verlegte Pipi-Schlauch (wegen dem Overall) war eine «perfekte Ablenkung» zur falschen Zeit, obwohl es gar nicht dringend war.
Besser wäre gewesen die Talquerung zu genießen und Fokus auf „was erwartet mich drüben“ zu legen:
- Eventualitäten durchgehen, Plan A/B/C im Kopf haben.
- Gleitschirmfliegen ist doch voll Kopfarbeit, oder?
- Weitere Hinweise, die ich ernster hätte nehmen sollen, am Startplatz war die Rede davon, dass der Wind Richtung Norden zunimmt.
- Während der Querung sah ich Flugkollegen: alle schön hoch, über dem Grat.
- - Gedanke danach: Mussten die auch schon so was erleben – oder sind die einfach von Geburt an „gescheiter“?
Entscheidung: Heute ist genug
Nach dem ungewollten Manöver hatte ich für’s Erste genug. Beim Gedanken an den Weiterflug über die Berge in die Leventina spürte ich meine Erschöpfung und ehrlich, ich wollte lieber das Gras riechen und festen Boden unter den Füßen haben.
Über den Grat kam ich nicht mehr. Ich hatte keinen Bock mehr auf „Thermik, ausdrehen, durchprügeln lassen“. Also kroch ich das Valle Maggia raus zur Landung im Delta bei Locarno. Uff. Atterraggio bene.
Welche Learnings nehme ich mit
- Fokus vor der Querung: Keine Zusatzbaustellen (Pipi, Essen, noch schnell was machen). Querung planen, Reserven halten.
- Tools ≠ Denken: Prognosen/Maps helfen, ersetzen aber nicht das aktive Beobachten (Wind, Gradient, Gelände, Tagesentwicklung).
- Setup checken: Gurtzeug-Trim regelmäßig kontrollieren. Sitzposition beeinflusst Kontrolle und Timing.
- C-Schirm anspruchsvoller auf Dauer: Lange Flüge kosten mental. Zusatzstress killt die persönliche Performance.
5) Ballooning spüren lernen: Wenn die Kappe „aus dem Schlauch hinaussticht“ und Leinen entlasten: aufmerksam bleiben, sauber/kurz, heftig anbremsen, statt lang ziehen.
Speed & Impulse
Die Kappe generell mit mehr Speed fliegen lassen. Besser mit sauberen, kurzen Steuerimpulsen arbeiten, Gewichtsverlagerung. Die Kappe (zumindest meine) mag Speed und Impulse – mein neues Credo.
Danke & Ausblick
Danke an Bruno und an meinen ehemaligen Sicherheitstrainer Jürgen Kraus fürs Durchbesprechen (Ursachen, Vermeidung). Danke an Christoph, dem ich auf der Heimfahrt direkt erzählen konnte, was passiert war. Und danke an Nadine (Flugschule Emmetten) für Feedback und Tipps; von ihr kam auch der Hinweis auf den Ballooning-Klapper.
Ich habe das Thema aufgearbeitet, Material und Prüfbericht gegengecheckt, das Gurtzeug nachgestellt und begonnen, den Ballooning-Effekt besser wahrzunehmen und im Vorfeld damit umzugehen.
Ich gehe heute deutlich aufmerksamer und respektvoller an die „fetten Schläuche“ ran. Klapper wird man nicht immer vermeiden, besonders wenn man ehrgeizig ist und sich verbessern will. Aber Ursachenforschung mit Reserven fliegen und im gut beherrschbaren gelben Bereich bleiben.
Happy Landings!
Bernhard
Hinweis (Disclaimer)
Dieser Bericht beschreibt meine persönliche Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem konkreten Flug. Er ersetzt keine Ausbildung, kein Sicherheitstraining und keine situative Beurteilung vor Ort. Jede Pilotin/jeder Pilot entscheidet eigenverantwortlich, abhängig von Können, Material, Tagesform und Bedingungen.